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Schokolade - der kleine Luxus
Comeback: Lange wurde sie als Lockangebot verramscht. Doch mit herben Sorten hat Lindt die Trendwende bei Tafelschokolade eingeleitet. Die Nachahmer stehen bereits Schlange.
Hamburg - Wer die Qualität einer Tafel Schokolade testen möchte, sollte sie erst einmal ganz nah ans Ohr halten. So empfiehlt es zumindest Hersteller Lindt in der Anleitung zur Verköstigung seiner Tafeln: "Hochwertige Schokolade bricht mit einem deutlich erkennbaren Knackgeräusch, die Bruchkante sollte glatt und nicht krümelig sein." Die "vollendete Genußerfahrung" ergebe sich dann im Mund. "Man läßt die Schokolade langsam zergehen und verteilt sie, um den Kontakt mit den Geschmacksnerven zu erhöhen. Wie empfindet man den Schmelz der Schokolade? Schmilzt sie glatt oder eher sandig und rauh ab?"
Daß die Deutschen für solche Feinheiten empfänglich sind, zeigen die jüngsten Verkaufszahlen von Lindt. Etwa 25 Prozent dürfte der Umsatzsprung betragen, den die Schweizer im vergangenen Jahr allein mit Schokoladentafeln in der Bundesrepublik hingelegt haben. Insgesamt verbuchte die Lindt & Sprüngli AG mit einem Plus von 12,5 Prozent auf gut zwei Milliarden Franken das höchste organische Wachstum der Unternehmensgeschichte. Und die reicht immerhin bis ins Jahr 1845 zurück.
"Vor allem unsere Serie Excellence mit einem Kakaoanteil von 70 Prozent und mehr hat geradezu reißenden Absatz gefunden", sagt Deutschland-Chef Adalbert Lechner dem Abendblatt. Seine Erklärung: "Lindt Schokolade ist der kleine Luxus im Alltag, mit dem sich die Menschen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten belohnen."
Was bei den Schweizern so selbstverständlich klingt, gilt in der deutschen Süßwarenbranche als kleine Sensation. Ausgerechnet die Tafel Schokolade, lange als eher simples, gar altmodisches Produkt verschrien, erlebt derzeit ein Comeback. 10,9 Prozent Umsatzsteigerung auf knapp eine Milliarde Euro ermittelte die Marktforschungsgesellschaft ACNielsen für das Jahr 2004. Gewinner im Tafelgeschäft sind vor allem die Premiumhersteller. Massenanbieter wie Kraft (Milka) oder Ritter wuchsen hingegen unterproportional oder büßten gar Erlöse ein.
Dabei ist Tafelschokolade über Jahrzehnte regelrecht verramscht und als Lockangebot mißbraucht worden. Seit die Preisbindung 1964 fiel, befanden sich die Preise - damals ein bis zwei Mark pro 100-Gramm-Tafel - im Sinkflug. Wer nicht in den Strudel geraten und das Schokoladenhandwerk hochhalten wollte, zog sich wie Lindt oder Hachez in die schützende Nische der Fachgeschäfte zurück.
Doch seit einigen Jahren sind die Premiumanbieter wieder in zahlreichen Supermärkten präsent. Dabei ist es Lindt gelungen, mitten in der discountbesessenen deutschen Handelslandschaft die eigene, unverbindliche Preisempfehlung durchzusetzen, die für 100 Gramm "Excellence" immerhin bei 1,80 Euro liegt. Das ist das Dreifache von dem, was durchschnittlich eine Tafel Milka kostet und gar das Sechsfache des Preises einer Handelsmarke.
Was Lindt hilft, ist der Trend zur Bitterschokolade, der von Frankreich nach Deutschland schwappte und den die Schweizer mit Tafeln mit 70, 85 oder gar 99 Prozent Kakaoanteil nach Kräften befördert haben. "Die Deutschen haben den intensiven Geschmack dieser Schokoladen entdeckt", sagt Lechner. Zudem seien die positiven Wirkungen von Kakao, wie etwa die Ausschüttung von Glücksstoffen im Körper, immer mehr ins Bewußtsein der Konsumenten gerückt.
Vom Edelbittertrend profitiert auch der Berliner Hersteller Rausch, der mit seiner sortenreinen "Plantagenschokolade" einen Umsatzsprung von 45 Prozent im Jahr 2004 erzielte. "Wir verwenden in den Tafeln nur hochwertigen Kakao, der jeweils aus einem bestimmten Gebiet stammt", sagt Chef Jürgen Rausch dem Abendblatt. Mal stammt der Rohstoff von der Karibikinsel Tobago, mal aus dem Südosten Javas.
In Deutschland verortet Rausch die Geschmacksgrenze zwischen bitter und süß übrigens in Frankfurt am Main. "Nördlich davon lieben die Kunden vor allem die herben Sorten, Süddeutsche mögen es eher lieblich." Vorbei sei hingegen die Einordnung der hochprozentigen Tafeln als Herrenschokolade. "Immer mehr Frauen greifen zu Schokolade mit hohem Kakaoanteil."
Auch Rausch vertreibt Schokolade längst nicht mehr nur über den Fachhandel oder sein Traditionsgeschäft am Berliner Gendarmenmarkt, wo Kunstwerke wie eine Schoko-Titanic ausgestellt sind. Längst hat er die Eigenmarken des Handels als lukratives Zusatzgeschäft entdeckt. So stehen die Tafeln bei Edeka unter dem Namen Kings Gold im Regal, bei Tchibo als Privatschokolade und beim Discounter Lidl unter J.D.Gross. Die Geschäfte laufen so gut, daß Rausch seine Produktionsstätte im niedersächsischen Peine für 20 Millionen Euro ausbauen will.
Der Erfolg hat auch Lidls Erzfeind Aldi auf den Plan gerufen. Dort gibt es nun die nobel anmutende Marke Moser-Roth für 85 Cent pro 125 Gramm. Den Namen hat Hersteller Storck (Merci) extra für den Discounter wiederbelebt. Etwa 4,3 Millionen Kunden griffen im ersten Halbjahr 2004 zu Moser-Roth. Schokolade macht tatsächlich glücklich - vor allem die Hersteller.
Quelle: Hamburger Abendblatt v. 19.02.2005
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